Inklusive Krisenvorsorge im Bevölkerungsschutz

Inklusive krisenvorsorge

Menschen mit Beeinträchtigung fühlen sich im Bevölkerungsschutz oft nicht mitgedacht. Der Beitrag ordnet Befunde aus einer Haushaltsbefragung, die Umfrageauswertung aus Baden Württemberg und Empfehlungen des BBK ein und zeigt konkrete Handlungsoptionen für Einrichtungen, Träger und Kommunen.

Studie zur Krisenvorsorge

DKKV Logo

Wie gut ist Deutschland auf Krisen vorbereitet?
Eine neue bundesweite Studie möchte genau das herausfinden.

Bevölkerungsschutz in Gefahr

Warum Deutschlands Bevölkerungsschutz ein Verfügbarkeits-Problem hat – und wie wir es lösen Katastrophenalarm – und die Liste der Helfer ist lang. Nur: Über die Hälfte kann real nicht erscheinen. Das ist kein Bauchgefühl, sondern die Auswertung einer aktuellen Untersuchung – und sie legt systemische Schwächen offen, die wir jetzt angehen müssen. 🔎 In Kürze Deutschland verlässt sich im Katastrophenfall auf rund 1,7 Millionen Ehrenamtliche – doch laut einer aktuellen Untersuchung sind nur etwa 44 % tatsächlich verfügbar, wenn der Alarm losgeht.Hauptgrund: berufliche Überlastung, vor allem in kritischen Infrastrukturen wie Medizin, Energie oder Verkehr. Viele Helfer haben Doppelrollen – sie sind im Beruf und im Ehrenamt gleichzeitig gefragt.Besonders Ärzt:innen und Pflegekräfte fallen dadurch oft aus, obwohl sie dringend gebraucht würden. Fazit: Unser Bevölkerungsschutz ist stark – aber verletzlich.Ohne bessere Freistellungsregeln, Nachwuchsprogramme und digitale Entlastung (z. B. Telemedizin) droht im Ernstfall eine gefährliche Lücke. 👉 Wer kommt, wenn’s knallt?Die Antwort hängt davon ab, wie ernst wir Krisenvorsorge und Ehrenamt jetzt nehmen. 1) Die Zahl hinter der Beruhigung: Der „Verfügbarkeits-Gap“ Auf dem Papier tragen in Deutschland rund 1,7 Mio. Ehrenamtliche den Zivil- und Katastrophenschutz – bis zu 90 % aller Einsätze beruhen auf Freiwilligen. Das ist politisch gewollt, traditionell gewachsen – und grundsätzlich stark. Die neue Untersuchung zeigt jedoch: Nur 30 % der Ehrenamtlichen sind jederzeit verfügbar, 65 % nur eingeschränkt, 5 % gar nicht. Wichtigster Hinderungsgrund: Berufliche Verpflichtungen (insgesamt 57,6 % – davon 30,8 % „Beruf allgemein“, 26,8 % „KRITIS-Beruf“). Konsequenz: Aus den registrierten 1,7 Mio. werden im Ernstfall deutlich weniger real verfügbare Kräfte. Die Studie quantifiziert das als operative Verfügbarkeit von ca. 44 % – also ~755.000 Menschen. Das ist keine Mathe-Spitzfindigkeit, sondern Operationalisierungs-Realität (Doppelrollen, Arbeitgeberpriorisierung, fehlende Freistellung). Kernproblem: Wir planen mit Listen, aber leisten mit Menschen – die gleichzeitig beruflich und privat eingebunden sind. 2) Der strukturelle Engpass: Doppelrollen & KRITIS-Abhängigkeit Viele Ehrenamtliche arbeiten in KRITIS (kritische Infrastrukturen wie Energie, Gesundheit, Wasser, IT/TK, Verkehr u. a.). Genau dort steigt in Krisen die Arbeitslast – und kollidiert mit dem Ehrenamt. * 51–52 % der Befragten arbeiten hauptberuflich im KRITIS-Sektor. Ärzt:innen sind besonders betroffen: ~49 Std/Woche Arbeitszeit, gleichzeitig überdurchschnittlich oft in mehreren Ehrenämtern aktiv. Ergebnis: niedrigste Freistellungsquote und geringste Verfügbarkeit. 3) Rechtlicher Flickenteppich: Helferfreistellung ≠ überall geregelt Die Helferfreistellung ist uneinheitlich: Feuerwehr & THW haben bundesweit robuste Regelungen, Hilfsorganisationen (z. B. DRK, ASB, JUH, DLRG) hingegen uneinheitliche oder fehlende Rechtsansprüche – je nach Land/Region. Ergebnis: planbare Freistellung bleibt Glückssache. * *  Die Untersuchung spiegelt genau das: Feuerwehr & THW berichten signifikant höhere Freistellungsquoten als Hilfsorganisationen. Implikation: Ohne bundesweite Helfergleichstellung bleiben Alarmpläne Theorie. 4) Datendefizite & Planungsblindheit Ein unterschätztes Problem: Doppelrollen (mehrere Ehrenämter und KRITIS-Job) werden nicht systematisch erfasst. Wir wissen zu wenig darüber, wer wann real disponibel ist. Fehlende Daten sorgen für Scheinsicherheit und Überbuchung der gleichen Person für mehrere Funktionen. * Das sagen die Autor:innen selbst: Querschnitt, freiwillige Angaben, potenzielle Verzerrungen – und gerade deshalb: bedarf an laufender Verfügbarkeitsanalyse & standardisierter Datenerfassung. * 5) Digitale Hebel, die jetzt Kapazität schaffen (ohne zusätzliches Personal) Telemedizin & Remote-Unterstützung: Randomisierte Studien zeigen, dass technisch assistierte Triage per Smart-Glasses Prozesse beschleunigen und Fehler senken können – ein echter Force-Multiplier, wenn Ärzt:innen knapp sind. * App-gestützte Einsatzkoordination: Standardisierte, organisationsübergreifende Verfügbarkeits-Abfragen in Echtzeit (mit Rollenkonflikt-Check) – damit Doppelbelegungen sichtbar werden. KRITIS-Priorisierungsmodule: Automatisches Routing von medizinischer Expertise dorthin, wo sie den größten Hebel hat (z. B. Tele-LNA-Schnittstellen). 6) Lösungen, die Wirkung entfalten – von Politik bis Privat A) Politik & Verwaltung (Bund/Länder) Bundeseinheitliche Helferfreistellung für alle HiOrgs – analog Feuerwehr/THW (Helfergleichstellung). * Verfügbarkeitsregister (datenschutzkonform) für Doppelrollen & KRITIS-Konflikte; Rollenklarheit vor dem Ereignis. * KRITIS-Resilienz koppeln an realistische Personalverfügbarkeit: Übungen & Risikoanalysen müssen Verfügbarkeits-Gap berücksichtigen. Telemedizin fördern (z. B. Förderlinien für BOS-Tele-Use-Cases, Standardisierung, Beschaffung). * B) Arbeitgeber (besonders KRITIS-Betriebe & Kliniken) Betriebsvereinbarungen zur Freistellung inkl. Backfill-Plänen; Ampelmodell für Alarme (grün/gelb/rot je nach Betriebslage). Cross-Training & Delegation: Nicht-ärztliche Rollen stärken (z. B. strukturierte Erstversorgung), damit knappe Expert:innen telemedizinisch mehr Wirkung pro Minute entfalten. Monats-Verfügbarkeitsfenster erfragen (freiwillig) und in Schichtplanung integrieren. C) Organisationen (FF, THW, DRK, ASB, JUH, DLRG, MHD) Rollenbereinigung: Keine gleichzeitigen Verpflichtungen einer Person für mehrere Funktionen in denselben Szenarien. Onboarding & Nachwuchs: gezielt Frauen, Quereinsteiger, Young Talents (z. B. über Schulsanitätsdienst-Pipelines) ansprechen – Diversifizierung erhöht Netto-Verfügbarkeit. * Digitale Verfügbarkeitsabfrage vor Lagen, standardisiert & lagebezogen (12–24 h-Fenster). D) Bürger:innen & Familien Eigenvorsorge (72-h-Autarkie, Erste-Hilfe-Skills) reduziert Nachfrage in den ersten 48–72 h und schafft Zeitfenster für Rettung. (Die Notfallakademie deckt genau hier Praxiswissen ab.) 7) Was diese Untersuchung kann – und was nicht Stärken: große Stichprobe (N = 3681), klare Operationalisierung von Verfügbarkeit, präzise Auswertung (u. a. Chi-Quadrat, Cramer’s V). Limitationen: Querschnitt, Selbstangaben, mögliche Selektions-/Sozialerwünschtheits-Bias; Regionale Unterschiede werden nicht abschließend abgebildet.  Fazit: Das Trend-Signal ist robust, exakte Prozentwerte sind als konservative Planungsbasis zu lesen. Quellen & weiterführende Literatur Berliner L. et al. (2025): „Wer kommt, wenn es knallt? Verfügbarkeit von Einsatzkräften im Bevölkerungsschutz“, Notfall + Rettungsmedizin. (Open Access) – zentrale Ergebnisse zu Verfügbarkeit, KRITIS-Belastung, Freistellung. BBK – Zahlen & Fakten zum Ehrenamt (≈ 1,7 Mio., bis zu 90 % der Einsätze).  Wiss. Dienste des Bundestags (WD 6-050/22) – Rechtslage Freistellung & Entgeltfortzahlung (Feuerwehr/THW vs. HiOrgs).  BSI/UP-KRITIS – Einordnung & Sektoren der KRITIS in DE.  Eurostat/Destatis – Wochenarbeitszeit EU/DE (Kontext zur beruflichen Belastung). J Med Internet Res (2019) – Smart-Glasses & Telemedizin verbessern Triage-Performance (randomisiert). Auf dem Papier tragen in Deutschland rund 1,7 Mio. Ehrenamtliche den Zivil- und Katastrophenschutz – bis zu 90 % aller Einsätze beruhen auf Freiwilligen. Das ist politisch gewollt, traditionell gewachsen – und grundsätzlich stark. Die neue Untersuchung zeigt jedoch: Nur 30 % der Ehrenamtlichen sind jederzeit verfügbar, 65 % nur eingeschränkt, 5 % gar nicht. Wichtigster Hinderungsgrund: Berufliche Verpflichtungen (insgesamt 57,6 % – davon 30,8 % „Beruf allgemein“, 26,8 % „KRITIS-Beruf“). Konsequenz: Aus den registrierten 1,7 Mio. werden im Ernstfall deutlich weniger real verfügbare Kräfte. Die Studie quantifiziert das als operative Verfügbarkeit von ca. 44 % – also ~755.000 Menschen. Das ist keine Mathe-Spitzfindigkeit, sondern Operationalisierungs-Realität (Doppelrollen, Arbeitgeberpriorisierung, fehlende Freistellung). Kernproblem: Wir planen mit Listen, aber leisten mit Menschen – die gleichzeitig beruflich und privat eingebunden sind. Viele Ehrenamtliche arbeiten in KRITIS (kritische Infrastrukturen wie

>
Success message!
Warning message!
Error message!