Hospital First Hour Score: Wie gut ist Ihr Krankenhaus in der ersten Stunde?
Die erste Stunde einer Krise entscheidet, ob ein Krankenhaus handlungsfähig bleibt oder in Reaktionsmuster verfällt, die Leben kosten. Der Hospital First Hour Score macht diese Fähigkeit messbar — in 18 konkreten Punkten.
Wenn ein MANV eintrifft, ein Cyberangriff die Systeme lahmlegt oder der Strom ausfällt, beginnt eine Uhr zu laufen. Die erste Stunde entscheidet: Wer ist aktiviert? Wer hat das Lagebild? Wer trifft die erste Priorisierungsentscheidung? Krankenhäuser, die auf diese Fragen keine vorbereiteten Antworten haben, fallen in dieser Stunde in Improvisation — und Improvisation unter Zeitdruck kostet Zeit, Ressourcen und im schlimmsten Fall Leben.
Der Hospital First Hour Score (HFHS) ist ein diagnostisches Instrument, das genau diese Handlungsfähigkeit messbar macht. Nicht durch Dokumentenprüfung, nicht durch Audits — sondern durch 18 konkrete Ja/Nein-Fragen, die zeigen, ob ein Haus tatsächlich in der Lage ist, die erste Stunde zu bewältigen.
Warum gerade die erste Stunde?
In der präklinischen Notfallmedizin gibt es das Konzept der 'Golden Hour' — das Zeitfenster, in dem eine schnelle Versorgung die entscheidende Wirkung hat. Für Krankenhäuser in der Krise gilt ein ähnliches Prinzip, aber auf einer anderen Ebene: Es geht nicht um die Behandlung einzelner Patienten, sondern um die Steuerung eines komplexen Systems unter veränderten Bedingungen.
Was in der ersten Stunde nicht organisiert wird, muss unter laufendem Betrieb nachgeholt werden — mit exponentiell höherem Aufwand. Führungsstrukturen, die nicht aktiviert werden, bleiben leer. Lagebilder, die nicht erstellt werden, fehlen dauerhaft. Priorisierungsentscheidungen, die verzögert werden, treffen das Personal auf der Ebene, die dafür nicht vorgesehen ist.
Die 6 Kategorien des HFHS
Der Score ist in sechs Kategorien gegliedert, die den Führungsrhythmus eines Krankenhauses in der Anfangsphase abbilden. Jede Kategorie enthält drei Fragen — jeweils mit Ja (1 Punkt) oder Nein (0 Punkte) zu beantworten. Das Maximum liegt bei 18 Punkten.
1. Alarmierung & Aktivierung
Hat das Krankenhaus eine definierte Alarmierungsstruktur? Gibt es einen klaren Ausfallweg, wenn die primäre Alarmierung nicht funktioniert? Weiß jeder Entscheidungsträger, welche Rolle er bei Alarmierung übernimmt?
Diese Kategorie prüft, ob die richtigen Personen in den ersten Minuten überhaupt erreicht und aktiviert werden. Ein Notfallplan, der auf einem DECT-System basiert, das bei Stromausfall ausfällt, ist keine Grundlage für die erste Stunde.
2. Lagebild
Gibt es einen definierten Prozess für das Erstlagebild? Ist klar, wer dieses Lagebild erstellt und wohin es kommuniziert wird? Ist das Format bekannt und geübt?
Ohne ein Erstlagebild operiert jede Führungsebene auf Basis eigener Eindrücke. Das führt zu parallelen, inkonsistenten Entscheidungen. Das Erstlagebild muss in den ersten 15 bis 30 Minuten vorliegen — nicht perfekt, aber handlungsleitend.
3. Priorisierung & Entscheidungen
Sind Sofortmaßnahmen für die häufigsten Krisenszenarien definiert? Gibt es klare Eskalationsstufen mit zugehörigen Entscheidungsträgern? Weiß das Personal, welche Entscheidungen auf welcher Ebene getroffen werden?
Priorisierung unter Zeitdruck scheitert nicht an fehlendem Wissen — sie scheitert an fehlenden Strukturen. Wer in der Krise erst klären muss, wer entscheidet, verliert Zeit. Eskalationsstufen müssen vor der Krise definiert sein.
4. Ressourcen
Gibt es einen Überblick über verfügbare Backup-Systeme (Notstrom, Kommunikation, Dokumentation)? Ist bekannt, welche kritischen Ressourcen bei welchem Szenario als erstes knapp werden? Gibt es vorbereitete Anforderungsverfahren für externe Unterstützung?
Ressourcenmanagement in der Krise bedeutet nicht, Ressourcen zu verwalten — es bedeutet, zu wissen, was verfügbar ist, bevor die Frage gestellt wird. Ein Notstromaggregat, dessen Kapazitäten unklar sind, ist in der ersten Stunde keine Sicherheit.
5. Kommunikation
Gibt es vorbereitete Kommunikationsvorlagen für interne Informationen (Personal, Stationen)? Ist die Kommunikation nach außen (Behörden, Medien, Angehörige) einer definierten Rolle zugeordnet? Sind Kommunikationswege für den Fall definiert, dass digitale Systeme ausfallen?
Interne Kommunikation in der Krise ist die am häufigsten unterschätzte Anforderung. Fehlinformationen, Gerüchte und Schweigen erzeugen Unsicherheit im Personal — was operative Kapazität bindet, die anderswo gebraucht wird.
6. Dokumentation & Stabsorganisation
Gibt es einen bekannten und geübten Stabsraum? Ist die Aufgabenverteilung im Krisenstab (KEL/MEL) klar und bekannt? Gibt es ein Mindestformat für die Laufende Dokumentation in der ersten Stunde?
Krankenhäuser, die unter DKG-Empfehlungen und KRITIS-Anforderungen operieren, müssen Entscheidungen im Ernstfall nachvollziehbar dokumentieren. Ein Krisenstab, der sich in der ersten Stunde erst formiert, verliert wertvolle Zeit für operative Entscheidungen.
Was der Score bedeutet
- 0–6 Punkte: Kritische Lücken — das Haus ist in der ersten Stunde nicht handlungsfähig
- 7–12 Punkte: Grundstrukturen vorhanden, aber nicht belastbar — Lücken in kritischen Momenten wahrscheinlich
- 13–18 Punkte: Strukturell handlungsfähig — Optimierungspotenzial in Einzelbereichen
Der Score ist kein Zertifikat. Er ist ein Diagnoserahmen. Ein Haus mit 16 Punkten kann in einer spezifischen Lage versagen, wenn genau die zwei fehlenden Punkte den Engpass treffen. Der HFHS gibt die Richtung — was er zeigt, muss in Übungen und Strukturarbeit übersetzt werden.
KEL und MEL: Wer macht was?
Zwei Rollen sind in fast jedem deutschen Krankenhaus-Notfallplan vorgesehen, aber selten klar operationalisiert: die Klinische Einsatzleitung (KEL) und die Medizinische Einsatzleitung (MEL). Die KEL koordiniert die übergeordnete Führung und Ressourcensteuerung. Die MEL verantwortet die medizinische Priorisierung — Triageentscheidungen, Kapazitätssteuerung, Eskalation ins Versorgungssystem.
In der ersten Stunde sind beide Rollen gleichzeitig aktiv und müssen koordiniert agieren. Was in Stabsübungen oft fehlt: Die Schnittstelle zwischen KEL und MEL unter realem Zeitdruck. Wer entscheidet, wenn die Kapazitätsgrenze der MEL-Empfehlung widerspricht?
Die meisten Krankenhäuser haben einen Notfallplan. Ob er die erste Stunde trägt — das ist eine andere Frage.
Was als nächstes?
Der HFHS ist der Ausgangspunkt für strukturierte Krisenvorsorge, kein Endpunkt. Ein Haus, das seinen Score kennt, weiß, wo die Arbeit beginnt. Die Konsequenzen aus einem niedrigen Score sind keine Dokumentenarbeit — sie sind Übungen, Rollendefinitionen, geübte Kommunikationskaskaden und regelmäßige Stabsarbeit.
Die Notfallakademie begleitet Krankenhäuser bei der Analyse ihrer Krisenstrukturen — anhand des HFHS und weiterer szenariospezifischer Bewertungsrahmen. Das Erstgespräch beginnt mit einer einfachen Frage: Wie viele dieser 18 Punkte würden Sie heute mit 'Ja' beantworten?
Fabian Schmidt
Notarzt · Freier Sachverständiger · Gründer der Notfallakademie
Fabian Schmidt ist Arzt mit Zusatzbezeichnung Notfallmedizin, Sanitätsoffizier der Bundeswehr und Gründer der Notfallakademie. Er berät Krankenhäuser, Kommunen und Unternehmen im Krisenmanagement und forscht zu Resilienz und Notfallvorsorge.
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