Zivilschutz in Deutschland
Zwischen historischem Anspruch, realen Defiziten und neuen Lösungen

Warum wir den Bevölkerungsschutz in Deutschland neu denken müssen –
und wie Die Notfallakademie dazu beiträgt
🔍 1. Worum es geht
Klimakrise, Blackout-Risiko, Pandemie, hybride Bedrohungen – die Liste möglicher Krisen wächst. Gleichzeitig wird immer deutlicher: Der Schutz der Bevölkerung in Deutschland ist nicht so robust, wie er sein sollte.
Der Zivilschutz, einst Herzstück der inneren Sicherheit, ist heute institutionell zersplittert, personell unterbesetzt und gesellschaftlich entkoppelt.
Ein aktueller Beitrag der Tagesschau vom 16.07.2025 bringt es auf den Punkt:
„Um auf einen Zivilschutzfall vorbereitet zu sein, ist noch einiges an Arbeit nötig.“
🕰 2. Historischer Rückblick: Vom Luftschutz zur Lücke
Der Zivilschutz in Deutschland entstand aus den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs und wurde während des Kalten Krieges massiv ausgebaut:
Bau öffentlicher Schutzräume
Vorratshaltungskampagnen
Flächendeckende Warnsysteme
Schulungen an Schulen und in Betrieben
Mit dem Ende der Blockkonfrontation ab 1990 verschwand dieses Denken. Schutzräume verfielen, Sirenen wurden abgebaut, Wissen verblasste. Die Vorstellung, dass man „nur die Profis machen lässt“, setzte sich durch.
Heute stehen – laut BBK – nur noch rund 600.000 Schutzplätze für 83 Millionen Menschen zur Verfügung.
📉 3. Die aktuelle Lage: Deutschland ist verletzlich
Die Realität im Jahr 2025:
- Kommunen sind organisatorisch und personell überfordert
- Ehrenamtliche Strukturen sind ausgedünnt
- Zusammenarbeit zwischen Bund, Ländern, Bundeswehr und zivilen Organisationen ist oft nicht geübt
- Die Bevölkerung fühlt sich nicht vorbereitet
🧪 4. Neue Studien: Helfer:innen würden im Ernstfall fehlen
Im Katastrophenfall zählt jede helfende Hand. Doch was, wenn genau diese Hände plötzlich gebunden sind?
Neue Studien zeigen: Gerade die Menschen, die im Ernstfall gebraucht würden, wären oft nicht einsatzfähig.
🔎 DGKM-Umfrage zur Mehrfachbelastung (2024/25)
Die Deutsche Gesellschaft für Katastrophenmedizin (DGKM) untersucht derzeit in Zusammenarbeit mit mehreren Universitätskliniken die Verfügbarkeit von Einsatzkräften im Bevölkerungsschutz.
Erstes Ergebnis: Viele freiwillige Helfer:innen wären im Katastrophen- oder Verteidigungsfall bereits dienstlich gebunden – etwa im Gesundheitsamt, in der Bundeswehr oder im Krisenstab einer Behörde.
➡️ Es entstehen Verfügbarkeitslücken genau dort, wo medizinisch geschulte Hilfe am dringendsten wäre.
„Wir müssen davon ausgehen, dass ein erheblicher Teil unserer medizinischen Ehrenamtlichen nicht zur Verfügung stehen wird.“
📊 BBK-Strategiestudie (2025): Zahlen & Warnungen
Laut einer aktuellen Erhebung des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) engagieren sich rund 1,76 Millionen Menschen im Bevölkerungsschutz – etwa 3 % der Bevölkerung.
Das klingt beeindruckend – doch nur ein Drittel der Organisationen fühlt sich personell ausreichend aufgestellt, um komplexe oder länger andauernde Lagen (z. B. nach Extremwetter) zu bewältigen.
➡️ Ehrenamtliche sind da – aber oft nicht verfügbar, nicht freigestellt oder selbst betroffen.
🧓 Projekt REBEKA: Wenn Strukturen altern
Das BMBF-Forschungsprojekt REBEKA analysierte bereits 2021/22 die Resilienz ehrenamtlicher Strukturen. Die Diagnose:
Das Ehrenamt leidet unter dem demografischen Wandel
Viele junge Menschen fehlen nach dem Wegfall des Zivildienstes
Dauerhafte Berufsbindung verhindert spontane Einsatzbereitschaft
Ohne Ehrenamt würde der Bevölkerungsschutz in Deutschland kollabieren. Doch die Basis beginnt zu bröckeln.
🧠 FU Berlin: „Lessons to Learn“ (2022)
Die Freie Universität Berlin legte mit ihrer Analyse einen Finger in die Wunde:
Das deutsche Krisenmodell sei veraltet, reaktiv, und auf lineare Störungen ausgerichtet – nicht auf komplexe, langanhaltende Szenarien wie Blackouts, Cyberangriffe oder hybride Bedrohungen.
Was fehlt: Ein Allgefahrenmanagement, das vorausschauend denkt, dezentral handelt und die Bevölkerung einbezieht.
🤝 DRK/EnsURE-Projekt (2016): Hilfe von außen – aber wie?
Das DRK-Projekt EnsURE testete erfolgreich, wie nicht-organisierte Helfer:innen in Großlagen eingebunden werden können. Erkenntnis:
➡️ Die Bereitschaft ist da – aber ohne Schulung, Struktur und klare Kommunikationswege bleibt ihr Potenzial ungenutzt oder sogar riskant.
📚 5. Wissenschaftlich fundierte Resilienz: Was wirklich schützt
Zahlreiche Studien und internationale Standards betonen:
„Self-Efficacy“ (Bandura, 1997): Menschen, die sich vorbereitet fühlen, handeln effektiver in Krisen
„Community Resilience“ (Paton & Johnston, 2006): Gesellschaften sind widerstandsfähiger, wenn Bürger:innen eingebunden werden
ISO 22316 (Organizational Resilience): Organisationen benötigen Schulung, Kommunikation und Klarheit – das gilt auch für Staaten
BBK-Resilienzstudie 2021: Nur rund 36 % der Bevölkerung schätzen sich als vorbereitet auf eine größere Krise ein
👉 Resilienz beginnt nicht bei Behörden – sondern im Alltag der Bevölkerung.
Die Notfallakademie Teil der Lösung
Die Notfallakademie wurde gegründet, um dieser Erkenntnis Rechnung zu tragen.
🚨 6. Die Notfallakademie: Teil der Lösung
- Krisenwissen, Erste Hilfe & Selbstschutz – verständlich, modern, digital
- Kurse für Laien, Familien, Organisationen, Heilberufe und Schulen
- Inhalte auf Basis von medizinischen Leitlinien, Katastrophenschutzwissen und didaktisch durchdacht
- Kooperationen mit Partnern aus Praxis & Forschung
- Eigene Krisenhilfe-App in Entwicklung mit Offline-Zugang, Notfallentscheidungsbäumen und Push-Warnlogik
Basierend auf den Erkenntnissen der letzten Jahre fordern wir:
- Ein Pflichtcurriculum für Krisen- & Zivilschutzbildung an Schulen
- Verbindliche Schulungen für Bürger:innen in systemrelevanten Berufen
- Stärkung & Honorierung ehrenamtlicher Strukturen
- Einrichtung von kommunalen Resilienzkoordinatoren
- Förderung digitaler Bildungsprojekte wie die Notfallakademie